Raus aus der Komfortzone: Aktuelle Automatisierungstrends

Eine Kolumne von Volker Bellersheim aus der Reihe „The future of digital“ 

Heute wollen wir einen Ausblick wagen und uns genauer ansehen, was die angesagten Themen im Bereich Automatisierung sind. Dabei geht es ganz klar nicht um Hype, sondern um die entscheidende Frage, welche Automatisierungstrends die Player aus ihrer Komfortzone scheuchen und welchen disruptiven „Impact“ die beobachtbaren Entwicklungen für die Branche kurz-, mittel- und langfristig besitzen – zur Verdeutlichung auf einer Impact-Skala von eins bis zehn eingeordnet:

1. Automatisierungstrend: Fokus auf System- bzw. Kundenprozessorientierung

(Impact 8)

Fortschrittliche Betreiber von Industrieanlagen fordern von Maschinenbauern und Automatisierungstechnikern zunehmend mehr als die Lieferung leistungsfähiger Anlagen und Maschinen und die Erbringung traditioneller After-Sales-Services. Gesucht wird: Der „Lebenszyklus-Partner“, der den Fabrikbetreiber bei der Optimierung seines gesamten Produktionsprozesses unterstützt und eben nicht nur immer bessere Maschinen entwickelt. Dieser Partner bietet sowohl digitale Services wie z. B. Remote-Funktionalitäten zur Inbetriebnahme oder Predictive Maintenance als auch Software und Beratungsleistungen zur Optimierung der Anlagenauslastung (OEE – Overall Equipment Effectiveness) an.

Immer im Fokus: Der Produktionsprozess des Kunden und das Gesamtsystem – einzelne Maschinen oder Automatisierungskomponenten sind immer weniger relevant. Wer außerdem Kundenprozesse genauestens kennt und das entsprechende Applikations-Know-how anbietet, kann künftig auf der Erfolgswelle mitschwimmen.

Doch nicht nur die Entwicklungs- und Engineering-Abteilungen der Fabrikausrüster müssen sich darauf einstellen. Auch Marketing und Vertrieb sollten neue Kompetenzen und Ansätze entwickeln, um ihr Unternehmen als Prozess- und Lösungspartner des Kunden zu positionieren.

2. Automatisierungstrend: Mut zu Geschäftsmodell-Innovationen

(Impact 6)

Die Erweiterung des Service Portfolios um digitale Services ist in vielen Fällen ein erster Schritt, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Digitalisierung bietet insbesondere Automatisierungstechnikern aber viele weitere Möglichkeiten, den Kunden enger an sich zu binden und neue Umsatz- und Ergebnispotenziale zu erschließen. Die enge Verzahnung mit den Kundenprozessen über den umfassenden Austausch digitaler Daten oder den Betrieb von „Industrie 4.0“-Plattformen, mit welchen der Kunde seine Anlagen managt, wird zu neuen Geschäftsmodellen führen.

Beispiele gibt es bereits einige: Der Verkauf von Kubikmetern Druckluft (Kaeser Kompressoren), Big Data Analytics Services (z. B. Weidmüller), der Betrieb von Cloud Services (Phoenix Contact) oder die von TRUMPF initiierte „Industrie 4.0“-Plattform Axoom.

Ob und in welchem Ausmaß solche Ansätze von den Kunden nachgefragt und auch bezahlt werden, wird sehr branchen- bzw. applikationsabhängig sein. Dort, wo die Gefahr besteht, dass Wettbewerber oder branchenfremde Unternehmen sich mit ihrem Leistungsangebot zwischen das eigene Unternehmen und den Kunden drängen, ist ein aktives und zügiges Ausloten der Chancen geboten. Denn: Im Zeitalter der Digitalisierung ist Geschwindigkeit erfolgsentscheidend! Abwartendes Beobachten? Das ist sicherlich die falsche Strategie.

Gerade die Automatisierungstechniker haben die besten Voraussetzungen, um sich noch stärker als Lebenszykluspartner der Anlagenbetreiber zu positionieren und mit datenbasierten Services und Geschäftsmodellen Mehrwert für den Kunden zu erzeugen. Hier sollten sie – idealerweise in Partnerschaft mit den Maschinenbauern – frühzeitig Angebote entwickeln und das Feld nicht branchenfremden Software- und IT-Unternehmen überlassen.

3. Automatisierungstrend: Apps und Plattformen

(Impact 2017: 3 / Impact 2022: 10)

Bisherige Automatisierungslösungen zielen auf Fertigungsprozess-nahe Vorgänge und stellen damit Anforderungen an kurze Zykluszeiten und Echtzeitfähigkeit. Innerhalb dieser Vorgänge stellt die gängige Automatisierungstechnik heute eine weitestgehend optimale Effizienz sicher.

Industrie 4.0 zielt hingegen auf die übergreifende Perspektive und bietet damit das Potenzial, weitere Effizienzquellen über die Fabrikgrenzen hinweg zu heben. Dabei kommt es weniger auf kurze Zykluszeiten, sondern mehr auf die maschinenlesbare Bereitstellung von Informationen in der Cloud an.

Über derartige Mechanismen werden Plattformen entstehen, die übergreifende Geschäftsprozesse digital abbilden und sich somit automatisieren lassen. Diese Automatisierung erfolgt in Form von Apps, die über die Plattformen verschiedensten Nutzern zur Verfügung gestellt werden können.

Klar ist: Die Steuerung sogenannter cyber-physischer Produktionssysteme über Apps und Plattformen wird sich mittelfristig durchsetzen – aufgrund äußerst spezifischer Anforderungen wird es nur länger dauern als beispielsweise in der Konsumgüterindustrie. Und: Statt weniger globaler Standards wird es wohl eine Vielzahl von Plattformen geben.

Doch was steht einer schnelleren Verbreitung im Wege? Meist ist es der noch unklare Nutzen für den Kunden. Während in der Konsumgüterwelt ein Ausprobieren innovativer Angebote häufig für wenige Euro möglich ist und sich sinnvolle Lösungen schnell durchsetzen, ist im industriellen Umfeld ein höherer Planungs- und Implementierungsaufwand notwendig.

Überschaubare Pilotprojekte sind hier das Mittel der Wahl. Fabrikausrüster sind gefordert, ihre Kunden zu gemeinsamen Piloten zu motivieren, um zügig den Nutzen innovativer digitaler Services transparent zu machen und damit auch eine Zahlungsbereitschaft für nicht-physische Produkte zu erzeugen.

Der Autor:

Volker Bellersheim ist Mitglied der Geschäftsleitung der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. Ein Doppelstudium des Maschinenbaus und der Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen schloss er als Dipl.-Ing. und Dipl.-Kfm. ab. Nach sechsjähriger Tätigkeit für zwei Industriegüterkonzerne in Deutschland und Indonesien wechselte er in die Strategieberatung. Schwerpunkte seiner inzwischen 20-jährigen Beratungstätigkeit für mehrere führende internationale Managementberatungen sind die Strategie- und Organisationsentwicklung sowie Programme zur ganzheitlichen Prozessoptimierung und Leistungssteigerung in technologieintensiven Branchen, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau sowie der Elektro- und Gebäudetechnik. Seit 2015 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner GmbH als Leiter des Geschäftsbereiches Industriegüter tätig.

www.wieselhuber.de

2017-07-24T10:20:24+00:00