Und der Haifisch, der hat Zähne: Rezension zu Tough Talk

Vergleiche hinken oft. So merkwürdig es klingt: das gilt auch für Haie. Unsägliche Filme trugen dazu bei, dass sich mit ihnen – bar aller Wissenschaftlichkeit – auf die übelsten menschlichen Eigenschaften anspielen lässt. Das Haifischbecken als Metapher für harte Konkurrenz und raue Sitten ist ein Paradebeispiel. Es taucht auch im Untertitel zu Marc-Stephan Daniels neuem Buch Tough Talk auf, das Leser mittels rhetorischer Spielregeln zum Überleben in selbigem befähigen will.

Nun geht es im Joballtag (Extremfälle ausgenommen) glücklicherweise nicht um Leben und Tod, sondern nur um die besten Plätze am Futtertrog. Dass es hierbei allerdings immer ruppiger zugeht – quasi die Grundannahme von Daniels Buch –, ist leider keine Fehleinschätzung.

Festival der Egomanen

Tatsächlich hat sich die gesamte Kommunikation in den letzten Jahren stark gewandelt. Aggressivität, Rücksichtslosigkeit, Schamlosigkeit und Gleichgültigkeit sind heute nicht länger nur ein Makel weniger, schlecht erzogener Außenseiter, sondern mehr und mehr Ausdruck eines kulturellen Massenphänomens. Bisheriger Höchststand: der vollends verrohte Wahlkampf um die US-Präsidentschaft von 2016 – eine vulgäre Leistungsschau der Egomanen.

Indes, man kann den drohenden Verlust von Gesprächskultur, Anstand und guten Sitten beklagen oder verdrängen – besser ist es jedoch, einen geeigneten Weg zu finden, um mit ‚toxischen‘ Zeitgenossen umzugehen.

Ein besonderes Rüstzeug

In Daniels Tough Talk findet man zu diesem Zweck ein besonderes Rüstzeug, welches den Vergleich mit den besten verfügbaren Werken zum Thema sicher nicht scheuen muss. Bemerkenswert ist dabei, dass Daniel dem Leser im Umgang mit problematischen Gesprächspartnern ein ganzes System von situativ adäquaten Eskalationsstufen vorstellt – von defensiv über sachlich bis offensiv. Wobei Letzteres nicht zwingend zum Einsatz kommen muss.

Bemühen wir noch einmal die Knorpelfische: „Und der Haifisch, der hat Zähne“, heißt es in der Dreigroschenoper. Ohne deshalb automatisch auch zubeißen zu müssen, darf man aggressive Vertreter ruhig beizeiten daran erinnern. Und mithin auch daran, dass Höflichkeit nicht zwangsläufig ein Indiz für Schwäche ist. Früher eine Selbstverständlichkeit, droht dieses Wissen in der heutigen Welt, in der Polterer und Blender nach vorne drängen, verloren zu gehen (womit keineswegs in das langweilige „früher war alles besser“-Horn geblasen werden soll).

Schluss mit „The winner takes it all“

Lesenswert und hilfreich sind auch Daniels Einlassungen zum Thema Verhandlungen: Wie umgehen mit dem fast erpresserischen Gebaren eines Gegenübers? Auch hier begegnen wir einem virulenten Zeitgeist-Phänomen: der „Winner takes it all“-Mentalität. Sie zieht sich beispielsweise auch wie ein roter Faden durch die Rhetorik eines allseits bekannten, in die Politik gewechselten US-Immobilientycoons.

Doch wie weit käme man, wenn man Verhandlungen, dem Leitbild folgend, nur noch als eine Art Armdrücken betrachten würde, bei dem eine Seite gewinnt, wenn die andere verliert?

Kompromiss und Mehrwert

Eine rhetorische Frage, denn allen reflektiert handelnden Menschen dürfte klar sein, dass die respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit und das gemeinsame Finden von Kompromissen noch stets für den größten Mehrwert gesorgt hat.

Zumindest dann, wenn nicht das kurzsichtige Schielen auf den nächsten Quartalsbericht das gesamte Denken und Handeln bestimmt. Freilich hat sich auch hier einiges geändert …

Fazit

Daniels Buch kann keine bessere Welt zaubern. Sehr wohl kann es aber Menschen dabei helfen, in einer sich schnell verändernden Welt besser zurecht zu kommen und durch einen Zugewinn an Souveränität zu mehr Gelassenheit zu finden – und zu mehr Freude im Alltag und im Berufsleben.

Übrigens: Wer neben der Lektüre noch etwas Zeit hat, dem seien die Werke zweier Pioniere der Verhaltensforschung empfohlen: Hans Hass und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Zu erfahren, wie die echten Haie, nicht die metaphorischen, wirklich sind, ist eine interessante Abwechselung. Leider hat sie eine traurige Seite: Schließlich sind wir auf dem besten Weg, die vermeintlich brutalen Meeresräuber aus Profitgier auszurotten.

Tough Talk: Die rhetorischen Spielregeln zum Überleben im Haifischbecken. Marc-Stephan Daniel, Wiley-VCH Verlag, ISBN 978-3527508846, 1. Auflage 2016, 200 Seiten, ca. 20 €

Michael Graef

2017-01-20T14:00:35+00:00